user_mobilelogo

Der Schauspieler Russell Crowe hat einen eigenen Zigarettenhalter. Zwar hat der Leser vielleicht auch einen, aber hier ist die Rede von menschlichem Inventar. So etwas ist vorteilhaft, jedenfalls für Mr. Crowe, denn sein Angestellter nimmt ihm auf Kopfnicken die Zigarette aus dem Mund und steckt sie bei Bedarf auch wieder rein. Das ist auch praktisch für den Zigarettenhalter, denn er hat einen Job. Was man sonst eher am absolutistischen Hof oder auf einer Sado-Maso-Party vermutet hätte, ist in der Realität des 21. Jahrhunderts angekommen. Geld verliert in der Gesellschaft des Niedergangs die Funktion, eine Pufferzone zwischen naturbestimmter Entbehrung und kulturbedingter Absicherung zu schaffen. Geld wird (nach Wilson) zum Ausdruck und Ersatz für Territorialverhalten: Wem für Geld die Schuhsohlen geleckt werden, muss sich nicht mehr auf die Brust trommeln, um zu beweisen, dass er der Rudelführer ist. Statt in der entwickelten Gesellschaft die Funktion zu haben, ökonomische Abläufe zu erleichtern und zu optimieren, reduziert es sich zum Statussymbol. Auf dem komplexen Markt der Gegenwart ist ein Marktplatz atavistischer Eitelkeiten aber sicher nicht die angemessene Situation.

In der Tat ist dieses neue und gleichzeitig archaische Verständnis von Ökonomie für den Niedergang ein entscheidender Faktor. Anders als in den schon beschriebenen sowie noch zu beschreibenden anderen Säulen der Devolution, wird die sonst prägende psychosoziale Komponente stärker ergänzt durch materielle Faktoren, durch die Macht der Strukturen und eben durch die Machtstrukturen. Dem Autor fehlt allerdings neben der Kompetenz auch die Absicht, nun eine wirtschaftspolitische oder wirtschaftswissenschaftliche Abhandlung folgen zu lassen, schließlich geht es auch bei der Beschreibung dieser Säule um ein kybernetisches Panorama, dass vordringlich die erschreckenden Vorgänge aus ihrer ideologischen Umgebung und der scheinbaren Harmlosigkeit des Business as usual reißen soll. Das ist diesmal zugegebenermaßen etwas schwerer, denn in der Nähe zur Tagesaktualität veralten Beispiele schnell und vor allem kann die kybernetische Analyse leicht mit Alltagspolemik verwechselt werden – vom Leser wie bedauerlicherweise auch vom Autor. Dennoch sei Letzterem gestattet, im notwendigen einleitenden, noch ziemlich theoretischen Überblick mit der einen oder anderen zynischen Bemerkung Dampf abzulassen.

Aus dem Kapitel zur Säule ‚Wissenschaft’ ist bekannt, dass es objektive Erkenntnisse selbst in den scheinbar faktentreuesten Disziplinen nur begrenzt gibt. Analysen und Prophezeiungen der Wirtschaftsweisen müssen uns also trotz eigener Fachfremdheit nicht automatisch in Ehrfurcht versetzen (wenngleich das deren wichtigste Strategie und Aufgabe ist). Der Leser möge sich nur an das Beispiel der Währungsauf- und –abwertung erinnern, bei der die Experten ihre Inkompetenz hinreichend beweisen konnten. Nicht einmal die Chaostheoretiker beanspruchen zu wissen, was sich in komplexen wirtschaftlichen Prozessen abspielt und jeder neue Börsencrash beweist das für manche schmerzlich aufs neue. Was in der Wirtschaft nicht aus Erfahrung geschlossen werden kann, ist also automatisch Ideologie, so wissenschaftlich sie auch aufbereitet wird. Hinweise auf willkürliche, oft wissenschaftlich untermauerte, Patentrezepte im Auftrag der Profiteure des Niedergangs werden noch reichlich folgen, und zwar in einem so kaum erklärlichen Maße, dass der Leser am Ende meinen wird, Wirtschaftswissenschaften hätten gemäß dem Kalauer weniger mit dem Besuch von Universitäten als von Gaststätten zu tun.

Zwar hat jeder durchaus das Recht, im Unrecht zu sein, doch sollte er daran gehindert werden, das Recht zu Unrecht zu machen. Genau letzteres bedeutet aber die kaum für möglich gehaltene negative Steigerung von Säule 1 zu Säule 2: Wissenschaftler verändern die Welt ‚nur’ durch ihre Erkenntnisse und ihre Hybris, doch Wirtschaftler schaffen aus ihren mageren Kenntnissen und Erkenntnissen reale Machtstrukturen, die den Niedergang nicht nur ideell anheizen. Die Ökonomie des Niedergangs und ihre Ideologien sind geradezu Generatoren der Katastrophe. Dabei wäre es auch im Bereich der Ökonomie eine lohnende Herausforderung, das wachsende Wissen der Welt beherrschbar zu machen. Doch während das Wissen der harten Wissenschaften Geld verdient, sich überproportional entwickelt und manchmal sogar Teflon dabei herauskommt, reduzieren sich die Methoden der Wirtschaftskapitäne zunehmend auf atavistische Konzepte namens Hauen, Stechen…