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Kathleen Robertson erhielt (für sie) erfreuliche 780.000 Dollar Schadenersatz, weil sie sich in einem Möbelgeschäft den Knöchel brach. Das ist kein Beinbruch, erst Recht nicht in Amerika, wo bekanntlich vieles möglich ist. Dieser Geldsegen, zahlbar vom Besitzer des Möbelladens, wäre allerdings allein nicht ausreichend, Frau Robertson an den Anfang dieser Säulenbetrachtung über den Verfall sowohl institutionalisierter als auch unorganisierter sozialer Beziehungen zu befördern. Dieses hat sie dem Umstand zu verdanken, dass sie sich den Knöchel brach, weil sie über ihren eigenen auf dem Boden herumkriechenden Säugling gestolpert war. Vergleichsweise läppische 74.000 Dollar kassierte der 19-jährige Carl Truman von seinem Nachbarn. Jener war mit dem Auto unwissentlich Truman über die Hand gefahren, als der gerade versuchte, dem später ‚Schuldigen’ die Radkappen zu stehlen.

Auch falls diese im Internet kursierenden Beispiele über besonders geistreiche Trittbrettfahrer der Gesellschaft nur erfunden sein sollten, bleibt der Eindruck: Irgendetwas ist mit der Welt durcheinandergeraten. Weniger die Chuzpe der ‚Geschädigten’, die unter der Rubrik ‚Stella-Liebeck-Preis’ gewürdigt wurden, irritiert den Autor, sondern wie solches Verhalten erfolgreich sein kann. Dummköpfe und Kriminelle profitieren anscheinend von deformiertem Sozialverhalten, während paradoxerweise das tägliche Miteinander rücksichtsloser und anonymer wird. Des Autors Stella-Liebeck-Lieblingsfall ist der des Rauchers exquisiter Zigarren, der das Geld für sein teures Hobby von der Feuerversicherung zurückhaben wollte - schließlich waren die Zigarren ja verbrannt  – und der den Fall vor Gericht tatsächlich gewann. Gerechtigkeit, wie wir sie verstehen, kam erst zustande, als die Versicherung den Raucher im Anschluss wegen Brandstiftung verklagte und ihn damit für 24 Monate ins Gefängnis schickte.

‚Das seien ja alles Beispiele aus den USA’, mag der Leser einwenden, und dort sei man bekanntlich sowieso ein bisschen gaga. Doch wie sieht es hierzulande mit der ‚Normalität’ aus? Mit dem bestialischen Kindermörder etwa, der aufgrund seiner ‚psychischen Probleme’ weitaus schneller wieder aus dem Gefängnis kam, als seine Ehefrau, die als mitwissende ‚Gesunde’ von der vollen Härte des Gesetzes getroffen wurde? Mit der 64-jährigen Frau, die sich im Ausland eine Eizelle einsetzen ließ und ein Kind bekam – das in wenigen Jahren Waise sein wird? Oder mit der neuesten Nazi-Sorte, die zu Punkmusik marschiert?

Warum also scheint uns die Welt zunehmend und quer durch alle Facetten unserer Umwelt verzerrt? Warum agieren wir immer unsicherer, obwohl doch der Fortschritt immer mehr Sicherheit vor Katastrophen, mehr Kontrolle über die Natur und mehr Schutz vor unserem eigenen Fehlverhalten verspricht? Warum jubeln viele hilfesuchend politisch korrekten Verhaltenszwängen zu, obwohl sie doch spüren, dass die so angestrebte bessere Welt so billig nicht zu haben ist? Ganz einfach: Weil der Niedergang nicht nur wie beschrieben im Überbau zuhause ist, sondern gerade an jedermanns Wohnungstür klingelt. Die Welt wandelt sich nicht nur schneller als die Menschen mitkommen, sondern sie wandelt sich in etwas, das der menschlichen Natur zuwiderläuft.

Zwei Konzepte zur Gefahrenabwehr werden von den Meinungsführern angeboten (also von jenen, die zwar als Mitverursacher wenig von den Veränderungen spüren (wollen), denen aber die Verwirrung der Menschen zugetragen wird): Weitermachen wie bisher oder weitermachen wie bisher, nur entschieden konsequenter. Kybernetische Konzepte sind dagegen nicht gefragt bei Kapitänen, die das Schiff gerade auf die Sandbank steuern. Alarmrufe kommen aber von der Basis.

Kritische Erkenntnisse allein können die Auflösung unserer individuellen und kollektiven Orientierungsmuster aber nicht aufhalten. Die Informationskatastrophe wirbelt die Welt schneller durcheinander als sich neue, angepasste, adäquate Strukturen bilden können. Gleichzeitig verliert das haltgebende Wissen um unsere Herkunft aus einem biologischen und sozialen Evolutionsprozess angesichts des Anschwellens des Wissens und der Virtualität mehr und mehr seinen Einfluss. KK: Die natürlichen Überlebensinstinkte werden überformt: Parfüm statt Persönlichkeit, Buckeln statt Boxen, Psychotherapie statt Paarung, Shopping statt Waldspaziergang. Und da der uns leitende Blick der Ideologie der Aufklärung zwanghaft zum Horizont …