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Wenn der Kandidat bei 'Wer wird Millionär?' nicht mehr weiterweiß, sucht er am liebsten Hilfe beim Telefonjoker. Den damit angerufenen Experten zieht er einer ebenfalls möglichen Hilfestellung durch das Publikum vor, denn dieses ist zwar zahlreich, verfügt aber vermeintlich nicht über das spezielle geforderte Wissen. Klassischer Irrtum. Während der Telefonjoker nur in 65% der Fälle richtig liegt, verspricht der Publikumsjoker, also die Masse zufällig versammelter Menschen (noch dazu solcher, die nichts Besseres zu tun haben, als Fernsehshows zu besuchen), in 90 Prozent aller Fälle die richtige Antwort. Klassisch ist der Irrtum deshalb, weil wir, wie schon erfahren, auf eine weit zurückreichende Kultur des Expertenvertrauens vertrauen. Tatsächlich aber liegt im synergetischen Miteinander durchaus ‚durchschnittlicher’ Menschen eine große Kraft – und sie liegt derzeit  weitestgehend brach.

Vor mehr als 100 Jahren bedurfte es erst eines Querdenkers, um der kognitiven Kraft der Masse überhaupt gewahr zu werden. Der englische Naturforscher Francis Galton war über eine Viehmesse spaziert, wo als Preisrätsel gefordert war, das Schlachtgewicht eines Ochsen zu schätzen. Schlachter, Bauern, Passanten – alle lagen weit daneben. Doch der damals 85-jährige Galton ließ sich die 800 abgelieferten Lösungsblätter geben, was möglich war, weil die Briten den Datenschutz noch nicht erfunden hatten, addierte alle Schätzungen und teilte sie durch die Anzahl der Teilnehmer. Und siehe: Bis auf ein Pfund hatte die Menschenmasse die richtige Ochsenmasse von 1198 Pfund geschätzt. KK: Es wird übrigens erzählt, dass Galton mit seinem Experiment eigentlich die Dummheit des Pöbels beweisen wollte, dann aber die Größe hatte, das gegenteilige Ergebnis zu publizieren.

Damals musste diese Untersuchung bloß zur Legitimation des demokratischen Wahlrechts herhalten, und auch seitdem hat sie wenig Spuren im öffentlichen Bewusstsein hinterlassen. Immerhin kann die kollektive Intelligenz heute nicht mehr ignoriert werden. Schlaue Bücher wurden darüber geschrieben (Burow, Surowiecki), eine so aufwändige wie schlechte Günther-Jauch-Show zu diesem Thema gesendet, und wer will, kann auch Hitparaden, Televotings und Bürgerbegehren zur Akzeptanz kollektiver Kompetenz dazurechnen. Die letzteren Beispiele zeigen, dass die Weisheit der Masse dann bisweilen doch ihre Grenzen hat, etwa, wenn die Aufgabenstellung über reines Wissen oder Interessenpolitik hinausgeht. KK: Auch dieses kollektive Wissen ist abhängig von der objektiv verfügbaren und subjektiv von den Menschen aufnehmbaren Menge sowie seiner medialen oder sonstigen Aufbereitung. Es kann verfälscht, blockiert, verschwiegen und selektiv transportiert werden. Der Leser möge nicht vergessen haben, dass er sich im Zeitalter der Informationskatastrophe befindet und Wissen zwar immer leichter verfügbar, aber angesichts schwindenden Einflusses persönlicher Erfahrungen immer schwerer anwendbar wird.

Dennoch: Die aus dem Tierreich bekannte ‚Schwarmintelligenz’ der Bienen, Ameisen und Vögel ist auch in der menschlichen Gesellschaft eine gewaltige Kraft. Eine Kraft allerdings, die von den Erfolgreichen und Einflussreichen zur Aufrechterhaltung der Illusion eigener Einmaligkeit möglichst ignoriert und engagiert verachtet wird. Dabei erweisen sich im Komplexen Zeitalter kollektive Prozesse zunehmend als effektiver, mehr noch: als einzig angemessen. Die Informationstechnologie beispielsweise stellt uns nicht nur eine überfordernde Informationsfülle zur Verfügung, sondern auch Instrumente kollektiver Wissensverarbeitung,  die dieses Wissen wenigstens teilweise verfüg- und nutzbar machen.

Schrieben an den Enzyklopädien der Vergangenheit einige wenige Experten, wird heute Wissen im Internet auf breiter Basis zusammengetragen. Wikipedia ist das bekannteste Beispiel, aber das Netz ist voll von Anstrengungen, die Wissenslawine durch die Integration vieler Teilkenntnisse in Blogs und Foren beherrschbar zu machen. Open-Source-Software, etwa bei Linux, entpuppt sich als gleichwertig zu den großen kommerziellen Softwareschmieden mit ihren Milliarden-Investitionen. Inzwischen, so ergab zumindest eine wissenschaftliche Untersuchungen, ist der Metaorganismus Wikipedia nicht nur umfassender als die berühmte Encyclopedia Britannica, sondern enthält auch deutlich weniger Fehler. Und das, obwohl jeder destruktive Idiot sich beteiligen und absichtlich oder unabsichtlich Fehler in die kollektive Meisterleistung einbauen kann.

Für Wikipedia-Gründer Jimmy Wales ist sein Erfolg ein soziales Phänomen. „So viele Menschen arbeiten daran, weil es Spaß macht, weil man schlaue Leute trifft und …