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"Auf einer Tafel lässt sich allerhand auftischen"„Wissen nennen wir jenen Teil unserer Unwissenheit, den wir geordnet und katalogisiert haben“, meinte einst der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce. Wissenschaft ist dagegen die Methode, wie wir mit dem (Un-)Wissen umzugehen gedenken. Aber was hat das nun wieder mit dem Niedergang zu tun? Menschen auf dem Mond, perfekt auf Scheiben oder Chips gespeicherte Musik und kleine Kästen, die Schachgroßmeister besiegen – was kann daran schlecht sein? Wissenschaft hat uns von Krankheit, Hunger und Tod erlöst, nimmt uns die schlimmsten Arbeiten ab und ermöglicht uns individuelle Freiheiten, an die vor wenigen Jahren oder Jahrzehnten noch nicht zu denken war. Wie kann man diese Segensbringerin in Zweifel ziehen? Man kann nicht nur, man muss!

Erstmal ist Wissenschaft natürlich gestaltlos und wertfrei. Aber Wissenschaft in unserer Welt ist auch ein gewachsenes Phänomen in einer ganz bestimmten Ausprägung, in ganz bestimmten Machtverhältnissen, mit ganz bestimmten Vorlieben und einer ganz bestimmten Botschaft. Diese Gesellschaftsstruktur ‚Wissenschaft’ hat keineswegs eine so weiße Weste, wie die meisten glauben. Dabei soll nicht die Rede sein von singulären Erscheinungen wie unnötigen Tierversuchen oder Atomwaffenforschung. Dass die Wissenschaft auch für Böses (Was ist eigentlich böse?) eingesetzt wird, soll ihr hier nicht zum Vorwurf gemacht werden. Auch, dass die Wissenschaft die Welt verändert, ist für sich weder gut noch schlecht. Doch mit dem Tempo der Veränderung überfordert sie mitleids- und verantwortungslos den Menschen. Die dadurch über ihn schwappenden neuen Erfahrungen und die fast unendliche Menge an Informationen kann er nur noch sporadisch in sein Weltbild integrieren.

Wissenschaftler verändern die Welt und sorgen dadurch dafür, dass wir nicht mehr wissen, wie wir Kinder zu erziehen haben, wie wir unsere Partner glücklich machen, und wie wir mit unserem Körper umzugehen haben.

Flugs tauchen andere Wissenschaftler auf, die uns sagen, wie wir unsere Kinder, unsere Partner und unseren Körper zu behandeln haben. Nicht mehr unsere Bioprogrammierung sagt uns, was richtig ist, sondern abstrakte Lebenshilfen einer (Halb-)Wissensindustrie. Und umgekehrt entmündigt eine Wissenschaft mit dem Heiligenschein der Allmächtigkeit und Unfehlbarkeit den gesunden Menschenverstand, der es nicht mehr wagt, der institutionalisierten Allwissenheit die Stirn (und was dahinter ist) zu bieten.

Ihre Einstufung als Säule des Niedergangs verdankt die Wissenschaft also nicht ihren Leistungen, sondern ihren und unseren fatalen Rückschlüssen aus diesen Leistungen. KK Dieser Säule ist schwer gerecht zu werden, weil es hier, aber nur hier, auf der praktischen Ebene tatsächlich beeindruckende Erfolge gibt. Bei den anderen Säulen ist der Niedergang weitaus klarer zu erkennen, weil es keine relevanten Gegengewichte gibt. Die Wissenschaft will uns glauben machen, dass sie die Welt, die uns so unbeherrschbar erscheint, im Griff hat. ‚Probleme? Wir haben die Lösung. Vertraut uns!’, verkündet ohne Unterlass die Ideologie der unfehlbaren Wissenschaft. ‚Eine Umweltkatastrophe, eine Wirtschaftskrise, Liebeskummer oder Bauchschmerzen? Lass uns nur schnell ein paar Parameter in unseren neuen Hochleistungsrechenverbund eingeben und schon wird er die Lösung ausspucken. Ihr braucht nicht selber nachzudenken, und wenn ihr es dennoch tut, müssen wir euch leider verraten, dass ihr alle sowieso viel zu dumm dafür seid.’

Die Menschen lassen sich das gerne sagen, weil endlich mal eine Institution die Führung beansprucht, die scheinbar wirklich Kompetenz hat und nicht aus Eigeninteressen agiert. Wissenschaft ist die Lichtgestalt in einer in Verruf geratenen Wirklichkeit. Politiker verstecken ihre Unsicherheit genauso hinter der reinen Lehre, wie Wirtschaftsbosse auf die Zahlenmystik der Unternehmensberatungen vertrauen, und Tante Martha, die ja noch nicht verstanden hat, dass neben der von ihr goutierten Pseudowissenschaft auch noch die Existenz einer seriösen behauptet wird, liest sich ihr Tagesprogramm aus dem täglichen Horoskop zusammen. Doch all dieses Renommee beruht letztlich auf einem Trick. Weil in einzelnen Bereichen scheinbare oder tatsächliche Antworten gegeben werden können, projiziert das staunende Publikum unter freudiger Mitwirkung der gebumfidelten Wissenschaftler dies auf die ganze, große Wirklichkeit. …