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Bei Google finden sich 170.000 Einträge, in denen das Wort ‚nichts’ mit Apostroph geschrieben wird. Des Autors Lieblingsstelle ist dabei die zarte Poesie und die durchdringende Schwermut folgender Aussage: „Man kann nicht's gegen gefühle tuhen“. Da ist alles drin - vom Sprachverlust über die Banalität des Denkens bis zur Selbstverliebtheit des Kunstschaffens. Kulturverlust drückt sich eben nicht nur dadurch aus, dass die Menschen nicht wissen, was Goethe geschrieben hat. Nach Einschätzung der Wirtschaft waren vor wenigen Jahren 15-20% der Schulabgänger ‚nicht ausbildungsfähig’. In einer IHK-Prüfung wurde der Auszubildende gefragt, wieviele Ecken ein Quadrat habe, und gab nach dem Taschenrechner greifend zur Antwort: „Sagen Sie mir noch die Höhe bitte.“ Vielleicht könnte dieses Beispiel schon reichen, um den Niedergang für den Sektor Kultur nachzuweisen. Noch dazu, wo über Kulturverlust im Gegensatz etwa zur Wissenschaft schon lange flächen- und epochendeckend lamentiert wird. Aber es geht ja nicht nur um das Wissen, sondern auch um das kybernetische Verständnis der Vorgänge.

Dass die Kultuhr fünf vor Zwölf steht, erschließt sich nicht nur aus der Bildungssituation. Der qualifizierte Gebrauch von Sprache als wesentlichem Instrument von Weltverständnis und Selbstorganisation geht nicht nur im Alltag zurück, sondern wird begleitet von einem Bedeutungsverlust in wesentlichen Metaorganismen wie Medien, Internet und Schule. Die Rechtschreibreform war nur die nachträgliche Institutionalisierung dieses Kompetenzverlustes deutscher Sprache. Die Medien inklusive der öffentlich-rechtlichen Sender verzichten auf der Suche nach Quote auf keine Zote. Anspruchsvolles, also Geistbildendes welcher Herkunft auch immer, wird vermieden aus Angst, Konsumenten zu verlieren. Das allgemeine Angebot richtet sich kontraproduktiv am kleinsten gemeinsamen intellektuellen Nenner aus, während bewusste, staatlich gesteuerte Gegenprogramme wie der Nischensender Arte in der Belanglosigkeit einer staatlich geförderten Elitenkultur erstarren, die unter dem Einfluss kultureller Oligarchien in einem langen Prozess seit dem Aufkommen des Bürgertums längst den Kontakt zur wirklichen Welt verloren hat.

Stück für Stück verliert die Kultur ihren Bezug zu den realen Menschen und ersetzt ihn durch ein virtuelles Menschenbild. Umgekehrt verlieren die Menschen ihren Bezug zu einer umfassenden Kultur, weil sie zunehmend mit Angeboten gefüttert werden, die ausschließlich atavistische Denkmuster ansprechen. Die von den marktbeherrschenden Konzernen ‚erlaubte’ Popmusik war in den 70ern trotz Experimentierlust und komplexer Strukturen erfolgreich, heute kriseln die Plattenimperien trotz oder wegen ihrer Beschränkung auf monotonen Rhythmus und Designermelodien. Der globalisierte Kulturmarkt erweist sich nicht mehr in der Lage, umfassende Kulturbedürfnisse der Menschen zu befriedigen.

Letzteres ist ein Prozess, der ebenfalls eine lange Geschichte hat. Spätestens zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts erlagen die Kulturschaffenden zweier elementarer Irrtümer. Sie glaubten erstens, sich als Elite vom Pöbel abheben zu müssen, und meinten zweitens, dass Kunst über den Intellekt sozusagen konstruiert werden könne. Kunst und als Summe der Künste die Kultur erwachsen allerdings ganz im Gegenteil aus intuitiven, kybernetischen Prozessen unter Einbeziehung kultureller Traditionen, menschlicher Gefühle und einem natürlich gewachsenen Ästhetikempfinden. KK: Die Begriffe Kunst und Kultur gehen in diesem Teil des Buches etwas intuitiv durcheinander. Im Grunde versteht der Autor Kultur nicht als Ansammlung materieller und ideeller Kunstschätze, sondern als Kunstschaffensfähigkeit einer Gemeinschaft. Kultur ist so verstanden ein Metaorganismus.#5 Die schärfste Abkehr von einer solchen natürlichen Ästhetik leistete sich die Architektur der Klassischen Moderne, die per Dekret von Säule bis Giebel alle gewachsenen Kriterien der Baukunst verstieß und – ganz im Interesse des aufkommenden, billigeren Stahlbetonbaus, die Schönheit des rechten Winkels als neuen Maßstab aller Dinge definierte. Wegen der dort fast in Reinform zu beobachtenden kulturzerstörerischen Prozesse wird der Architektur hier noch besondere Aufmerksamkeit gewidmet.

Im Verfall der Kultur finden sich viele Faktoren wieder, die bei anderen Säulen schon thematisiert wurden: die Arroganz der Wissenschaft,#1 die Ineffektivität großer, womöglich globalisierter Apparate,#2 der Verlust von Erfahrungswissen,#1,2 die Überforderung in der Informationskatastrophe.#1,2 Und es spielen auch Einflüsse mit, die noch zu späteren Säulen und auch in dieser gegen Ende thematisiert werden. Der Fall der Kulturrate…