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"Auf einer Tafel lässt sich allerhand auftischen"„Wissen nennen wir jenen Teil unserer Unwissenheit, den wir geordnet und katalogisiert haben“, meinte einst der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce. Wissenschaft ist dagegen die Methode, wie wir mit dem (Un-)Wissen umzugehen gedenken. Aber was hat das nun wieder mit dem Niedergang zu tun? Menschen auf dem Mond, perfekt auf Scheiben oder Chips gespeicherte Musik und kleine Kästen, die Schachgroßmeister besiegen – was kann daran schlecht sein? Wissenschaft hat uns von Krankheit, Hunger und Tod erlöst, nimmt uns die schlimmsten Arbeiten ab und ermöglicht uns individuelle Freiheiten, an die vor wenigen Jahren oder Jahrzehnten noch nicht zu denken war. Wie kann man diese Segensbringerin in Zweifel ziehen? Man kann nicht nur, man muss!

Erstmal ist Wissenschaft natürlich gestaltlos und wertfrei. Aber Wissenschaft in unserer Welt ist auch ein gewachsenes Phänomen in einer ganz bestimmten Ausprägung, in ganz bestimmten Machtverhältnissen, mit ganz bestimmten Vorlieben und einer ganz bestimmten Botschaft. Diese Gesellschaftsstruktur ‚Wissenschaft’ hat keineswegs eine so weiße Weste, wie die meisten glauben. Dabei soll nicht die Rede sein von singulären Erscheinungen wie unnötigen Tierversuchen oder Atomwaffenforschung. Dass die Wissenschaft auch für Böses (Was ist eigentlich böse?) eingesetzt wird, soll ihr hier nicht zum Vorwurf gemacht werden. Auch, dass die Wissenschaft die Welt verändert, ist für sich weder gut noch schlecht. Doch mit dem Tempo der Veränderung überfordert sie mitleids- und verantwortungslos den Menschen. Die dadurch über ihn schwappenden neuen Erfahrungen und die fast unendliche Menge an Informationen kann er nur noch sporadisch in sein Weltbild integrieren.

Wissenschaftler verändern die Welt und sorgen dadurch dafür, dass wir nicht mehr wissen, wie wir Kinder zu erziehen haben, wie wir unsere Partner glücklich machen, und wie wir mit unserem Körper umzugehen haben.

Flugs tauchen andere Wissenschaftler auf, die uns sagen, wie wir unsere Kinder, unsere Partner und unseren Körper zu behandeln haben. Nicht mehr unsere Bioprogrammierung sagt uns, was richtig ist, sondern abstrakte Lebenshilfen einer (Halb-)Wissensindustrie. Und umgekehrt entmündigt eine Wissenschaft mit dem Heiligenschein der Allmächtigkeit und Unfehlbarkeit den gesunden Menschenverstand, der es nicht mehr wagt, der institutionalisierten Allwissenheit die Stirn (und was dahinter ist) zu bieten.

Ihre Einstufung als Säule des Niedergangs verdankt die Wissenschaft also nicht ihren Leistungen, sondern ihren und unseren fatalen Rückschlüssen aus diesen Leistungen. KK Dieser Säule ist schwer gerecht zu werden, weil es hier, aber nur hier, auf der praktischen Ebene tatsächlich beeindruckende Erfolge gibt. Bei den anderen Säulen ist der Niedergang weitaus klarer zu erkennen, weil es keine relevanten Gegengewichte gibt. Die Wissenschaft will uns glauben machen, dass sie die Welt, die uns so unbeherrschbar erscheint, im Griff hat. ‚Probleme? Wir haben die Lösung. Vertraut uns!’, verkündet ohne Unterlass die Ideologie der unfehlbaren Wissenschaft. ‚Eine Umweltkatastrophe, eine Wirtschaftskrise, Liebeskummer oder Bauchschmerzen? Lass uns nur schnell ein paar Parameter in unseren neuen Hochleistungsrechenverbund eingeben und schon wird er die Lösung ausspucken. Ihr braucht nicht selber nachzudenken, und wenn ihr es dennoch tut, müssen wir euch leider verraten, dass ihr alle sowieso viel zu dumm dafür seid.’

Die Menschen lassen sich das gerne sagen, weil endlich mal eine Institution die Führung beansprucht, die scheinbar wirklich Kompetenz hat und nicht aus Eigeninteressen agiert. Wissenschaft ist die Lichtgestalt in einer in Verruf geratenen Wirklichkeit. Politiker verstecken ihre Unsicherheit genauso hinter der reinen Lehre, wie Wirtschaftsbosse auf die Zahlenmystik der Unternehmensberatungen vertrauen, und Tante Martha, die ja noch nicht verstanden hat, dass neben der von ihr goutierten Pseudowissenschaft auch noch die Existenz einer seriösen behauptet wird, liest sich ihr Tagesprogramm aus dem täglichen Horoskop zusammen. Doch all dieses Renommee beruht letztlich auf einem Trick. Weil in einzelnen Bereichen scheinbare oder tatsächliche Antworten gegeben werden können, projiziert das staunende Publikum unter freudiger Mitwirkung der gebumfidelten Wissenschaftler dies auf die ganze, große Wirklichkeit. …

 

 

Der Schauspieler Russell Crowe hat einen eigenen Zigarettenhalter. Zwar hat der Leser vielleicht auch einen, aber hier ist die Rede von menschlichem Inventar. So etwas ist vorteilhaft, jedenfalls für Mr. Crowe, denn sein Angestellter nimmt ihm auf Kopfnicken die Zigarette aus dem Mund und steckt sie bei Bedarf auch wieder rein. Das ist auch praktisch für den Zigarettenhalter, denn er hat einen Job. Was man sonst eher am absolutistischen Hof oder auf einer Sado-Maso-Party vermutet hätte, ist in der Realität des 21. Jahrhunderts angekommen. Geld verliert in der Gesellschaft des Niedergangs die Funktion, eine Pufferzone zwischen naturbestimmter Entbehrung und kulturbedingter Absicherung zu schaffen. Geld wird (nach Wilson) zum Ausdruck und Ersatz für Territorialverhalten: Wem für Geld die Schuhsohlen geleckt werden, muss sich nicht mehr auf die Brust trommeln, um zu beweisen, dass er der Rudelführer ist. Statt in der entwickelten Gesellschaft die Funktion zu haben, ökonomische Abläufe zu erleichtern und zu optimieren, reduziert es sich zum Statussymbol. Auf dem komplexen Markt der Gegenwart ist ein Marktplatz atavistischer Eitelkeiten aber sicher nicht die angemessene Situation.

In der Tat ist dieses neue und gleichzeitig archaische Verständnis von Ökonomie für den Niedergang ein entscheidender Faktor. Anders als in den schon beschriebenen sowie noch zu beschreibenden anderen Säulen der Devolution, wird die sonst prägende psychosoziale Komponente stärker ergänzt durch materielle Faktoren, durch die Macht der Strukturen und eben durch die Machtstrukturen. Dem Autor fehlt allerdings neben der Kompetenz auch die Absicht, nun eine wirtschaftspolitische oder wirtschaftswissenschaftliche Abhandlung folgen zu lassen, schließlich geht es auch bei der Beschreibung dieser Säule um ein kybernetisches Panorama, dass vordringlich die erschreckenden Vorgänge aus ihrer ideologischen Umgebung und der scheinbaren Harmlosigkeit des Business as usual reißen soll. Das ist diesmal zugegebenermaßen etwas schwerer, denn in der Nähe zur Tagesaktualität veralten Beispiele schnell und vor allem kann die kybernetische Analyse leicht mit Alltagspolemik verwechselt werden – vom Leser wie bedauerlicherweise auch vom Autor. Dennoch sei Letzterem gestattet, im notwendigen einleitenden, noch ziemlich theoretischen Überblick mit der einen oder anderen zynischen Bemerkung Dampf abzulassen.

Aus dem Kapitel zur Säule ‚Wissenschaft’ ist bekannt, dass es objektive Erkenntnisse selbst in den scheinbar faktentreuesten Disziplinen nur begrenzt gibt. Analysen und Prophezeiungen der Wirtschaftsweisen müssen uns also trotz eigener Fachfremdheit nicht automatisch in Ehrfurcht versetzen (wenngleich das deren wichtigste Strategie und Aufgabe ist). Der Leser möge sich nur an das Beispiel der Währungsauf- und –abwertung erinnern, bei der die Experten ihre Inkompetenz hinreichend beweisen konnten. Nicht einmal die Chaostheoretiker beanspruchen zu wissen, was sich in komplexen wirtschaftlichen Prozessen abspielt und jeder neue Börsencrash beweist das für manche schmerzlich aufs neue. Was in der Wirtschaft nicht aus Erfahrung geschlossen werden kann, ist also automatisch Ideologie, so wissenschaftlich sie auch aufbereitet wird. Hinweise auf willkürliche, oft wissenschaftlich untermauerte, Patentrezepte im Auftrag der Profiteure des Niedergangs werden noch reichlich folgen, und zwar in einem so kaum erklärlichen Maße, dass der Leser am Ende meinen wird, Wirtschaftswissenschaften hätten gemäß dem Kalauer weniger mit dem Besuch von Universitäten als von Gaststätten zu tun.

Zwar hat jeder durchaus das Recht, im Unrecht zu sein, doch sollte er daran gehindert werden, das Recht zu Unrecht zu machen. Genau letzteres bedeutet aber die kaum für möglich gehaltene negative Steigerung von Säule 1 zu Säule 2: Wissenschaftler verändern die Welt ‚nur’ durch ihre Erkenntnisse und ihre Hybris, doch Wirtschaftler schaffen aus ihren mageren Kenntnissen und Erkenntnissen reale Machtstrukturen, die den Niedergang nicht nur ideell anheizen. Die Ökonomie des Niedergangs und ihre Ideologien sind geradezu Generatoren der Katastrophe. Dabei wäre es auch im Bereich der Ökonomie eine lohnende Herausforderung, das wachsende Wissen der Welt beherrschbar zu machen. Doch während das Wissen der harten Wissenschaften Geld verdient, sich überproportional entwickelt und manchmal sogar Teflon dabei herauskommt, reduzieren sich die Methoden der Wirtschaftskapitäne zunehmend auf atavistische Konzepte namens Hauen, Stechen…

 

 

Bei Google finden sich 170.000 Einträge, in denen das Wort ‚nichts’ mit Apostroph geschrieben wird. Des Autors Lieblingsstelle ist dabei die zarte Poesie und die durchdringende Schwermut folgender Aussage: „Man kann nicht's gegen gefühle tuhen“. Da ist alles drin - vom Sprachverlust über die Banalität des Denkens bis zur Selbstverliebtheit des Kunstschaffens. Kulturverlust drückt sich eben nicht nur dadurch aus, dass die Menschen nicht wissen, was Goethe geschrieben hat. Nach Einschätzung der Wirtschaft waren vor wenigen Jahren 15-20% der Schulabgänger ‚nicht ausbildungsfähig’. In einer IHK-Prüfung wurde der Auszubildende gefragt, wieviele Ecken ein Quadrat habe, und gab nach dem Taschenrechner greifend zur Antwort: „Sagen Sie mir noch die Höhe bitte.“ Vielleicht könnte dieses Beispiel schon reichen, um den Niedergang für den Sektor Kultur nachzuweisen. Noch dazu, wo über Kulturverlust im Gegensatz etwa zur Wissenschaft schon lange flächen- und epochendeckend lamentiert wird. Aber es geht ja nicht nur um das Wissen, sondern auch um das kybernetische Verständnis der Vorgänge.

Dass die Kultuhr fünf vor Zwölf steht, erschließt sich nicht nur aus der Bildungssituation. Der qualifizierte Gebrauch von Sprache als wesentlichem Instrument von Weltverständnis und Selbstorganisation geht nicht nur im Alltag zurück, sondern wird begleitet von einem Bedeutungsverlust in wesentlichen Metaorganismen wie Medien, Internet und Schule. Die Rechtschreibreform war nur die nachträgliche Institutionalisierung dieses Kompetenzverlustes deutscher Sprache. Die Medien inklusive der öffentlich-rechtlichen Sender verzichten auf der Suche nach Quote auf keine Zote. Anspruchsvolles, also Geistbildendes welcher Herkunft auch immer, wird vermieden aus Angst, Konsumenten zu verlieren. Das allgemeine Angebot richtet sich kontraproduktiv am kleinsten gemeinsamen intellektuellen Nenner aus, während bewusste, staatlich gesteuerte Gegenprogramme wie der Nischensender Arte in der Belanglosigkeit einer staatlich geförderten Elitenkultur erstarren, die unter dem Einfluss kultureller Oligarchien in einem langen Prozess seit dem Aufkommen des Bürgertums längst den Kontakt zur wirklichen Welt verloren hat.

Stück für Stück verliert die Kultur ihren Bezug zu den realen Menschen und ersetzt ihn durch ein virtuelles Menschenbild. Umgekehrt verlieren die Menschen ihren Bezug zu einer umfassenden Kultur, weil sie zunehmend mit Angeboten gefüttert werden, die ausschließlich atavistische Denkmuster ansprechen. Die von den marktbeherrschenden Konzernen ‚erlaubte’ Popmusik war in den 70ern trotz Experimentierlust und komplexer Strukturen erfolgreich, heute kriseln die Plattenimperien trotz oder wegen ihrer Beschränkung auf monotonen Rhythmus und Designermelodien. Der globalisierte Kulturmarkt erweist sich nicht mehr in der Lage, umfassende Kulturbedürfnisse der Menschen zu befriedigen.

Letzteres ist ein Prozess, der ebenfalls eine lange Geschichte hat. Spätestens zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts erlagen die Kulturschaffenden zweier elementarer Irrtümer. Sie glaubten erstens, sich als Elite vom Pöbel abheben zu müssen, und meinten zweitens, dass Kunst über den Intellekt sozusagen konstruiert werden könne. Kunst und als Summe der Künste die Kultur erwachsen allerdings ganz im Gegenteil aus intuitiven, kybernetischen Prozessen unter Einbeziehung kultureller Traditionen, menschlicher Gefühle und einem natürlich gewachsenen Ästhetikempfinden. KK: Die Begriffe Kunst und Kultur gehen in diesem Teil des Buches etwas intuitiv durcheinander. Im Grunde versteht der Autor Kultur nicht als Ansammlung materieller und ideeller Kunstschätze, sondern als Kunstschaffensfähigkeit einer Gemeinschaft. Kultur ist so verstanden ein Metaorganismus.#5 Die schärfste Abkehr von einer solchen natürlichen Ästhetik leistete sich die Architektur der Klassischen Moderne, die per Dekret von Säule bis Giebel alle gewachsenen Kriterien der Baukunst verstieß und – ganz im Interesse des aufkommenden, billigeren Stahlbetonbaus, die Schönheit des rechten Winkels als neuen Maßstab aller Dinge definierte. Wegen der dort fast in Reinform zu beobachtenden kulturzerstörerischen Prozesse wird der Architektur hier noch besondere Aufmerksamkeit gewidmet.

Im Verfall der Kultur finden sich viele Faktoren wieder, die bei anderen Säulen schon thematisiert wurden: die Arroganz der Wissenschaft,#1 die Ineffektivität großer, womöglich globalisierter Apparate,#2 der Verlust von Erfahrungswissen,#1,2 die Überforderung in der Informationskatastrophe.#1,2 Und es spielen auch Einflüsse mit, die noch zu späteren Säulen und auch in dieser gegen Ende thematisiert werden. Der Fall der Kulturrate…

 

 

Kathleen Robertson erhielt (für sie) erfreuliche 780.000 Dollar Schadenersatz, weil sie sich in einem Möbelgeschäft den Knöchel brach. Das ist kein Beinbruch, erst Recht nicht in Amerika, wo bekanntlich vieles möglich ist. Dieser Geldsegen, zahlbar vom Besitzer des Möbelladens, wäre allerdings allein nicht ausreichend, Frau Robertson an den Anfang dieser Säulenbetrachtung über den Verfall sowohl institutionalisierter als auch unorganisierter sozialer Beziehungen zu befördern. Dieses hat sie dem Umstand zu verdanken, dass sie sich den Knöchel brach, weil sie über ihren eigenen auf dem Boden herumkriechenden Säugling gestolpert war. Vergleichsweise läppische 74.000 Dollar kassierte der 19-jährige Carl Truman von seinem Nachbarn. Jener war mit dem Auto unwissentlich Truman über die Hand gefahren, als der gerade versuchte, dem später ‚Schuldigen’ die Radkappen zu stehlen.

Auch falls diese im Internet kursierenden Beispiele über besonders geistreiche Trittbrettfahrer der Gesellschaft nur erfunden sein sollten, bleibt der Eindruck: Irgendetwas ist mit der Welt durcheinandergeraten. Weniger die Chuzpe der ‚Geschädigten’, die unter der Rubrik ‚Stella-Liebeck-Preis’ gewürdigt wurden, irritiert den Autor, sondern wie solches Verhalten erfolgreich sein kann. Dummköpfe und Kriminelle profitieren anscheinend von deformiertem Sozialverhalten, während paradoxerweise das tägliche Miteinander rücksichtsloser und anonymer wird. Des Autors Stella-Liebeck-Lieblingsfall ist der des Rauchers exquisiter Zigarren, der das Geld für sein teures Hobby von der Feuerversicherung zurückhaben wollte - schließlich waren die Zigarren ja verbrannt  – und der den Fall vor Gericht tatsächlich gewann. Gerechtigkeit, wie wir sie verstehen, kam erst zustande, als die Versicherung den Raucher im Anschluss wegen Brandstiftung verklagte und ihn damit für 24 Monate ins Gefängnis schickte.

‚Das seien ja alles Beispiele aus den USA’, mag der Leser einwenden, und dort sei man bekanntlich sowieso ein bisschen gaga. Doch wie sieht es hierzulande mit der ‚Normalität’ aus? Mit dem bestialischen Kindermörder etwa, der aufgrund seiner ‚psychischen Probleme’ weitaus schneller wieder aus dem Gefängnis kam, als seine Ehefrau, die als mitwissende ‚Gesunde’ von der vollen Härte des Gesetzes getroffen wurde? Mit der 64-jährigen Frau, die sich im Ausland eine Eizelle einsetzen ließ und ein Kind bekam – das in wenigen Jahren Waise sein wird? Oder mit der neuesten Nazi-Sorte, die zu Punkmusik marschiert?

Warum also scheint uns die Welt zunehmend und quer durch alle Facetten unserer Umwelt verzerrt? Warum agieren wir immer unsicherer, obwohl doch der Fortschritt immer mehr Sicherheit vor Katastrophen, mehr Kontrolle über die Natur und mehr Schutz vor unserem eigenen Fehlverhalten verspricht? Warum jubeln viele hilfesuchend politisch korrekten Verhaltenszwängen zu, obwohl sie doch spüren, dass die so angestrebte bessere Welt so billig nicht zu haben ist? Ganz einfach: Weil der Niedergang nicht nur wie beschrieben im Überbau zuhause ist, sondern gerade an jedermanns Wohnungstür klingelt. Die Welt wandelt sich nicht nur schneller als die Menschen mitkommen, sondern sie wandelt sich in etwas, das der menschlichen Natur zuwiderläuft.

Zwei Konzepte zur Gefahrenabwehr werden von den Meinungsführern angeboten (also von jenen, die zwar als Mitverursacher wenig von den Veränderungen spüren (wollen), denen aber die Verwirrung der Menschen zugetragen wird): Weitermachen wie bisher oder weitermachen wie bisher, nur entschieden konsequenter. Kybernetische Konzepte sind dagegen nicht gefragt bei Kapitänen, die das Schiff gerade auf die Sandbank steuern. Alarmrufe kommen aber von der Basis.

Kritische Erkenntnisse allein können die Auflösung unserer individuellen und kollektiven Orientierungsmuster aber nicht aufhalten. Die Informationskatastrophe wirbelt die Welt schneller durcheinander als sich neue, angepasste, adäquate Strukturen bilden können. Gleichzeitig verliert das haltgebende Wissen um unsere Herkunft aus einem biologischen und sozialen Evolutionsprozess angesichts des Anschwellens des Wissens und der Virtualität mehr und mehr seinen Einfluss. KK: Die natürlichen Überlebensinstinkte werden überformt: Parfüm statt Persönlichkeit, Buckeln statt Boxen, Psychotherapie statt Paarung, Shopping statt Waldspaziergang. Und da der uns leitende Blick der Ideologie der Aufklärung zwanghaft zum Horizont …

 

 

Wenn der Kandidat bei 'Wer wird Millionär?' nicht mehr weiterweiß, sucht er am liebsten Hilfe beim Telefonjoker. Den damit angerufenen Experten zieht er einer ebenfalls möglichen Hilfestellung durch das Publikum vor, denn dieses ist zwar zahlreich, verfügt aber vermeintlich nicht über das spezielle geforderte Wissen. Klassischer Irrtum. Während der Telefonjoker nur in 65% der Fälle richtig liegt, verspricht der Publikumsjoker, also die Masse zufällig versammelter Menschen (noch dazu solcher, die nichts Besseres zu tun haben, als Fernsehshows zu besuchen), in 90 Prozent aller Fälle die richtige Antwort. Klassisch ist der Irrtum deshalb, weil wir, wie schon erfahren, auf eine weit zurückreichende Kultur des Expertenvertrauens vertrauen. Tatsächlich aber liegt im synergetischen Miteinander durchaus ‚durchschnittlicher’ Menschen eine große Kraft – und sie liegt derzeit  weitestgehend brach.

Vor mehr als 100 Jahren bedurfte es erst eines Querdenkers, um der kognitiven Kraft der Masse überhaupt gewahr zu werden. Der englische Naturforscher Francis Galton war über eine Viehmesse spaziert, wo als Preisrätsel gefordert war, das Schlachtgewicht eines Ochsen zu schätzen. Schlachter, Bauern, Passanten – alle lagen weit daneben. Doch der damals 85-jährige Galton ließ sich die 800 abgelieferten Lösungsblätter geben, was möglich war, weil die Briten den Datenschutz noch nicht erfunden hatten, addierte alle Schätzungen und teilte sie durch die Anzahl der Teilnehmer. Und siehe: Bis auf ein Pfund hatte die Menschenmasse die richtige Ochsenmasse von 1198 Pfund geschätzt. KK: Es wird übrigens erzählt, dass Galton mit seinem Experiment eigentlich die Dummheit des Pöbels beweisen wollte, dann aber die Größe hatte, das gegenteilige Ergebnis zu publizieren.

Damals musste diese Untersuchung bloß zur Legitimation des demokratischen Wahlrechts herhalten, und auch seitdem hat sie wenig Spuren im öffentlichen Bewusstsein hinterlassen. Immerhin kann die kollektive Intelligenz heute nicht mehr ignoriert werden. Schlaue Bücher wurden darüber geschrieben (Burow, Surowiecki), eine so aufwändige wie schlechte Günther-Jauch-Show zu diesem Thema gesendet, und wer will, kann auch Hitparaden, Televotings und Bürgerbegehren zur Akzeptanz kollektiver Kompetenz dazurechnen. Die letzteren Beispiele zeigen, dass die Weisheit der Masse dann bisweilen doch ihre Grenzen hat, etwa, wenn die Aufgabenstellung über reines Wissen oder Interessenpolitik hinausgeht. KK: Auch dieses kollektive Wissen ist abhängig von der objektiv verfügbaren und subjektiv von den Menschen aufnehmbaren Menge sowie seiner medialen oder sonstigen Aufbereitung. Es kann verfälscht, blockiert, verschwiegen und selektiv transportiert werden. Der Leser möge nicht vergessen haben, dass er sich im Zeitalter der Informationskatastrophe befindet und Wissen zwar immer leichter verfügbar, aber angesichts schwindenden Einflusses persönlicher Erfahrungen immer schwerer anwendbar wird.

Dennoch: Die aus dem Tierreich bekannte ‚Schwarmintelligenz’ der Bienen, Ameisen und Vögel ist auch in der menschlichen Gesellschaft eine gewaltige Kraft. Eine Kraft allerdings, die von den Erfolgreichen und Einflussreichen zur Aufrechterhaltung der Illusion eigener Einmaligkeit möglichst ignoriert und engagiert verachtet wird. Dabei erweisen sich im Komplexen Zeitalter kollektive Prozesse zunehmend als effektiver, mehr noch: als einzig angemessen. Die Informationstechnologie beispielsweise stellt uns nicht nur eine überfordernde Informationsfülle zur Verfügung, sondern auch Instrumente kollektiver Wissensverarbeitung,  die dieses Wissen wenigstens teilweise verfüg- und nutzbar machen.

Schrieben an den Enzyklopädien der Vergangenheit einige wenige Experten, wird heute Wissen im Internet auf breiter Basis zusammengetragen. Wikipedia ist das bekannteste Beispiel, aber das Netz ist voll von Anstrengungen, die Wissenslawine durch die Integration vieler Teilkenntnisse in Blogs und Foren beherrschbar zu machen. Open-Source-Software, etwa bei Linux, entpuppt sich als gleichwertig zu den großen kommerziellen Softwareschmieden mit ihren Milliarden-Investitionen. Inzwischen, so ergab zumindest eine wissenschaftliche Untersuchungen, ist der Metaorganismus Wikipedia nicht nur umfassender als die berühmte Encyclopedia Britannica, sondern enthält auch deutlich weniger Fehler. Und das, obwohl jeder destruktive Idiot sich beteiligen und absichtlich oder unabsichtlich Fehler in die kollektive Meisterleistung einbauen kann.

Für Wikipedia-Gründer Jimmy Wales ist sein Erfolg ein soziales Phänomen. „So viele Menschen arbeiten daran, weil es Spaß macht, weil man schlaue Leute trifft und …

 

 

Die Kybernetische Inkarnation in unserem Gedankenmodell, also die gedachte wirkmächtige Gesamtheit aller Menschen und ihrer kulturellen Errungenschaften, ist weise. Sie ist kybernetisch. Sie ist in der Lage, das Wissen der Menschheit zu verarbeiten und sie ist damit die Lösung für das Problem der Experten, immer mehr über immer weniger zu wissen, bis sie alles über nichts wissen. Die KI ist so schwerfällig wie alle Öltanker der Welt zusammen und noch ein bisschen mehr. Sie ist kein Orakel, das uns mit guten Tipps versorgt. Sie genügt sich zu sein. Sie ist!
Das ist schön und gut, aber wie hilft uns das weiter?
Logischerweise werden Menschen eine solche Frage nicht beantworten können, denn genau dafür ist ja die KI zuständig. Die redet aber nicht, sondern sie handelt - und das sachorientiert aus der Kraft der Mitte und nicht in Handlungsanweisungen. Für die einzelnen Menschen ergeben sich aus dem Bewusstsein der Existenz einer KI dennoch, wenn schon keine Patentrezepte, dann doch Folgen und Folgerungen, Hilfen und Hoffnungen. Vor allem aber ergibt sich daraus der Auftrag, die KI voranzubringen oder wenigstens, sie vor dem Niedergang zu bewahren, um dadurch uns menschlichen Basiseinheiten ebenfalls zu nutzen. Der Leser möge daraufhin das bisher Gelesene selbst noch einmal durchdenken, um die Chancen aufzuspüren, die der Glaube an einen kollektiven Nutzen bietet.
Auch in dieser Säulenbetrachtung, die von unseren zunehmend beschränkten intellektuellen Möglichkeiten und möglicherweise möglichen Befreiungsversuchen handelt, werden gleich einige ausgewählte Themen dieses Buches rückblickend aus ‚KI-Sicht’ angesprochen werden. Nahezu jedes dieser Themen und die folgenden Gedankenspiele eröffnen Raum für tiefere kybernetische Überlegungen. Das wird hier aber nicht mehr zu leisten sein. Der Autor reißt also nur noch an – der Geduld des Lesers geschuldet aus sehr verkürzter polemischer Warte -, wer will, möge damit geistig weiterarbeiten. Nicht ausgeschlossen ist allerdings, dass der Autor in späteren Veröffentlichungen ausgewählte Problemstellungen aufgreifen und vertiefen wird. Wem das Folgende allerdings zu vage und zu abstrakt ist, der lasse diese sechste Säule einfach aus, die vorangegangenen Säulen sollten für ihn das Eintrittsgeld allemal wert gewesen sein.
Klar ist jedenfalls, dass klügere, kybernetischere und kooperativere Menschen in Form ihres Denkens und Handelns die KI voranbringen. Deshalb wird ein Großteil dieser Säule sich damit beschäftigen, intellektuelle Defizite der Niedergangsgesellschaft aufzuspüren und nötige Optimierungen anzuregen. Um diese Optimierungen zu ermöglichen, müsste die KI natürlich eigentlich schon optimiert sein. Was für ein Dilemma, was für ein kybernetisches Paradox! Die Hoffnung bleibt, dass ein behutsames Hochschaukeln zwischen Menschen und KI, sozusagen ein aufwärtsstrebender Lawineneffekt, möglich ist. Dennoch werden die hier präsentierten Ideen nur vorläufige Bruchstücke liefern – oder eben, wie es sich für ein kybernetisches Buch gehört: fragliche Antworten. … Immerhin bleibt ja für etwaige Unzufriedene noch die siebente Säule ..