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Von Sieben Säulen des Niedergangs schreiben Sie in Ihrem Buch. Mal ganz formal vorneweg: Wieso gerade sieben und wie kann ein Niedergang Säulen haben?

Bei einem Titel „Säulen des Aufschwungs“ hätten Sie das wohl nicht gefragt, doch gibt es auch bei einer Abwärtsentwicklung tragende Strukturen – erst recht, wenn ein System dahintersteckt – ein „Chaos mit System“ eben, wie der Haupttitel meines Buches lautet. Und zur Sieben: Weil es eine schöne Zahl ist und mit den Säulen einen schönen Stabreim bildet. Ich habe dann eigens die Zahl der Kapitel des Buches danach ausgerichtet – mit einem kleinen fiesen Trick am Ende allerdings.Eine Irritation beim Titel ist dabei durchaus beabsichtigt, denn er zeigt, dass in diesem Buch der Leser nicht nur Konsument ist, der die Botschaften bestenfalls abnickt, sondern dass er mitarbeiten muss. Provokationen, Sarkasmus, Gedankenspiele, Ideen in Rohform zum selber weiterdenken – überall gibt es Stolpersteine, die in einem normalen Sachbuch vielleicht als unwissenschaftlich gälten. Dadurch ist eine Schärfung des Bewusstseins schon über die Strukturen des Textes möglich. Robert Anton Wilson hat das mit seinen Texten wunderbar praktiziert.

Aber jetzt sprechen Sie über Verbesserungen. Ich denke, das Buch handelt vom Niedergang. Was für einem Niedergang eigentlich?

Die Welt ist immer auch ein Konflikt gegensätzlicher Kräfte. Yin und Yang sozusagen. Wenn ich über den Niedergang schreibe, wäre es fatal, nicht gleichzeitig über Möglichkeiten der Korrektur nachzudenken. Der Zusammenhang wird sich Ihnen beim Lesen schon erschließen. Da das hier ein Interview ist und keine Inhaltsangabe und da die vernetzte Struktur des Buches sich schwerlich auf einige Reizwörter herunterbrechen lässt, kann ich nur versuchen Ihre Frage mit einigen Thesen analog der einzelnen Kapitel zu beantworten:Die Wissenschaft wird korrumpiert und korrumpiert sich selbst. Die Ökonomie befindet sich im postkapitalistischen Stadium und unterliegt nicht mehr den leistungsfördernden Gesetzen der Evolution. Die Kultur verliert ihre Kreativität sowie ihre Authentizität und gerät zusehends unter den Einfluss dekadenter und moralisierender Kreise. Die historisch mühsam gewonnene Toleranzgesellschaft erweist sich mehr und mehr als Trojanisches Pferd, das soziale Strukturen errichtet, die sowohl den Menschen als auch dem menschlichen Zusammenleben abträglich sind. Uns fehlen grundsätzliche philosophische Erkenntnisse, um die wachsenden Probleme durchschauen und handhaben zu können. Vor allem aber ist das lineare Denken, mit dem wir uns aus der Steinzeit bis ins Atomzeitalter hochgearbeitet haben, nicht in der Lage, die Informationslast und die Herausforderungen einer hoch entwickelten Gesellschaft zu bewältigen.

Und das alles wollen Sie in einem einzelnen Buch stemmen?

Stemmen schon, allerdings weiß ich nicht wie hoch ich dabei komme. Ich spreche die Dinge an, die angesprochen werden müssen, stelle sie in Zusammenhänge, gebe Antworten, wenn mir welche einfallen (möglicherweise bisweilen sogar richtige ) und fordere den Leser strukturell und appellierend zum Nachdenken auf. Mehr kann ich nicht tun. Das klingt jetzt vielleicht alles so, als wäre es für den Leser furchtbar kompliziert, doch habe ich darauf geachtet, ein schweres Thema mit leichter Hand zu bearbeiten. Das ganze Buch ist voll von Beispielen aus unserem Alltag, in denen der Leser sich wiederfinden wird in seinem Frust und seinem Gefühl der Hilflosigkeit. Er wird Zusammenhänge, Strukturen und Hintergründe „im Vorbeilesen“ erkennen, die ihn stärker machen. Und er wird erleichtert fühlen, dass er sich zwar mitten im Niedergang befindet, aber keineswegs alleine und nicht bloß auf einem schlechten Trip ist. Das Buch gibt also in Zeiten der Verzweiflung und Desorientierung auch moralische Rückendeckung.

Wenn wir also mitten im Niedergang stecken, warum sind sich dann so wenige dessen bewusst?

Lassen wir einmal den für einige inzwischen offensichtlichen fatalen Einfluss der Medien, der Mächtigen und des vom Niedergang profitierenden Milieus beiseite und betrachten nur die menschliche Natur. Die Menschen glauben aufgrund ihrer relativ kurzen Lebensdauer und ihres beschränkten Vorstellungsvermögens, Geschichte sei etwas Statisches oder zumindest sehr Langsames, das immer wieder an den Ausgangspunkt zurückkehrt. In dieser Reduktion kommt zwar mal ein Hitler vorbei, aber alles andere scheint doch irgendwie gleichzubleiben. Der historische Vektor wird also ignoriert. Dabei ist es offensichtlich, dass die Männer ihre Frauen schon eine ganze Weile nicht mehr an den Haaren in die Höhle schleifen. Veränderung findet statt, und wir sollten wahrnehmen, dass diese Veränderung nicht automatisch einen positiven Vektor hat, wie uns die Aufklärung eingeredet hat. Stattdessen glauben die meisten Menschen weiter - selbst die, die schon vom Niedergang direkt betroffen sind - bis zum Ende ihrer Tage in einem unkaputtbaren System leben zu können, das gegen den Verfall gefeit ist. Doch dem ist nicht so! Dann gibt es noch die „Kassandraten“, die einfach klagen und jammern, weil es ihrer Natur entspricht oder weil sie sich davon Vorteile versprechen. Aber auch die haben kein Verständnis vom wirklichen Niedergang, weil der eben eine sehr komplexe Struktur hat und sich nicht aus bloßen Einzelbeobachtungen erklärt. Stattdessen werden ausgewählte Schreckensszenarien wie der Klimawandel oder eine rechtsradikale Gefahr hochgejazzt, wahlweise auch Verschwörungen erfunden. Selbst offensichtliche reale Katastrophenfaktoren wie die Überbevölkerung werden oft nicht wahrgenommen; hier mag die Manipulationsmaschine interessierter Kreise oder eine atavistische Denkblockade ursächlich sein.

Wenn es also tatsächlich weitgehend unbemerkt bergab geht, heißt das ja noch nicht, dass da ein System dahintersteckt, wie Sie im Titel andeuten. Was soll das denn sein? Eine geheime Weltverschwörung etwa?

Schön wär’s, dagegen könnte man ja Maßnahmen ergreifen. Nein, unsere Zivilisation bricht an ihrer eigenen Stärke zusammen. Ganz grob gesagt: Wohlstand führt zu Dekadenz, die unüberschaubare Vielfalt des Wissens führt zu Verunsicherung und Leugnung des persönlichen Erfahrungsschatzes, Freiheit und Toleranz führen zum Wiedererstarken atavistischer Rücksichtslosigkeiten, große individuelle Möglichkeiten führen zum Verlust der Kooperationsfähigkeit, Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit führt dazu, die Zeichen der Zeit nicht zu erkennen.

Welche Zeichen wären das denn?

Ohne Kooperation und ein in der Realität verankertes Selbstbewusstsein entstehen an allen Ecken und Enden psychologische und faktische Reibungspunkte, die zu gesellschaftlich und funktional kontraproduktiven Prozessen führen. Dieses objektive Versagen muss von den Systemstabilisatoren mühsam mittels Ideologie und Propaganda in die Virtualität verbannt werden und schaukelt sich dennoch zu immer größeren Krisen auf. Das Phänomen lasse ich jetzt mal als Behauptung stehen, doch im Buch ist es bis ins Kleinste beschrieben.

Mir scheint mit „Virtualität“ haben sie eigens einen neuen Begriff ins Spiel gebracht…

Ja, einen Schlüsselbegriff sogar. Je mehr die Realität scheitert, desto mehr wird sie bewusst wie unbewusst durch eine Scheinwelt ersetzt. Die Menschen ziehen sich zunehmend in eine virtuelle Welt zurück, in der alles scheinbar funktioniert. Das sind nicht nur Computerspiele, sondern beispielsweise auch Mode und Konsum, politische Informationssendungen, die die entscheidenden Themen ausklammern, Versprechungen der „Dienstleistungsgesellschaft“ und weltfremde Expertengutachten, die alle Probleme für den Betroffen als beherrschbar erscheinen lassen.

Sie bleiben also dabei, dass die Ursachen für den Niedergang struktureller und psychologischer Natur sind und keinem lenkenden Einfluss unterliegen?

Es liegt mir fern, solche Einflüsse zu leugnen. Natürlich gibt es gerade im Zeitalter der Globalisierung sehr mächtige und teilweise auch bewusst gegen die Interessen der Menschheit arbeitende Kräfte. Es gibt das weltweit operierende Großkapital, das für die Mehrung seines Einflusses und das Verhindern seines Scheiterns die ganze Welt zu seinem Spielball macht, stabile Kulturen zerstört, Migrationsströme in Bewegung setzt und soziale Errungenschaften demontiert. Es gibt freiwillig gleichgeschaltete Medien und Politiker, die für ihren persönlichen Erfolg keine Lüge und kein Verbrechen scheuen. Doch sehe ich diese Kräfte vor dem Hintergrund der Frage nach der Henne und dem Ei zwar einerseits als Transporteure des Unheils andererseits aber auch als selber Betroffene des Niedergangs. Ihre Blindheit und Dummheit ist vermutlich sogar größer als die der einfachen Menschen. Sie sind Opfer und Täter gleichermaßen. Was natürlich nicht heißt, dass man diesen Lügen und Verbrechen nicht entgegentreten sollte.

Das klingt ziemlich verfahren. Können wir da überhaupt noch etwas gegen den Niedergang tun?

Es wird in der Tat eng. Und keine irgendgeartete Weltrevolution wird uns weiterhelfen. Ich glaube, wir müssen bei den kleinen Dingen rings um uns herum anfangen. Gegen eine Katastrophe, die aus den Strukturen kommt, müssen neue Strukturen geschaffen werden. Wir müssen uns beispielsweise wieder trauen, Rücksichtslosigkeiten im Alltag entgegenzutreten, Wahrheiten an- und auszusprechen, Ideologien infragezustellen. Nehmen Sie nur mal das Beispiel Political Correctness: Offensichtlicher Unfug wird uns derzeit ohne Unterlass als moralisch wertvoll aufgeschwatzt. Dagegen hilft nur, selber nachzudenken und dann auch dazu zu stehen.

Allein gegen alle sozusagen?

Am Anfang ist jeder allein, aber viele Einzelne sind schon eine Massenbewegung. Wenn der Widerstand gegen das System des Niedergangs wächst, werden daraus neue, effektive und kooperative Strukturen erwachsen. Da stütze ich mich ganz auf die Schule der neuen Kybernetiker, die in etwa sagen, dass die Welt zu komplex für große Pläne ist. Stattdessen müssten wir wie der Steuermann (griechisch: Kybernetes) bei der Einfahrt in den Hafen eine ungefähre Richtung einschlagen und dann auf Wind und Strömungen möglichst souverän reagieren.

Sie haben ihr Buch im Jahr 2011 veröffentlicht. Seitdem hat sich die deutsche und die Weltgesellschaft schon massiv verändert. Genau die Themen, die Sie angesprochen haben, haben sich in einem damals noch für in dieser Geschwindigkeit unmöglich gehaltenen Maße von der Sorge zum Entsetzen entwickelt. Ist Ihr Buch zu spät gekommen?

Auf alle Fälle ist es zu wenig gelesen worden. Zwar hatte ich für das Buch unzählige Aspekte kybernetisch verarbeitet, aber völlig naiv ignoriert, dass das System, und dazu gehört eben auch die Verlags- und Medienlandschaft, weder kritische noch komplexe Bücher an die große Öffentlichkeit bringen will. Jedenfalls so sie es verhindern kann, und bei mir hat sie das problemlos geschafft. Mein (alternativer) Verleger und ich können froh und stolz sein, inzwischen fast die gesamte Auflage von 1000 Büchern verkauft zu haben. Wir tragen uns jetzt mit dem Gedanken, das Buch auch als PDF ins Internet zu stellen. Ein E-Book ist aufgrund der komplexen Schriftsatzstrukturen leider nicht möglich.

Angesichts der angesprochenen drastisch negativen Entwicklungen in der Gesellschaft muss die Frage erlaubt sein, ob Ihr Buch heute überhaupt noch zeitgemäß ist.

Ich denke, dass es wichtiger ist als je zuvor. Sicher, die Massenmigration und ihre Folgen, die Gleichschaltung der Medien, die Spaltung der Gesellschaft, die systematische Zersetzung demokratischer Strukturen und all die hasserfüllte Verfolgung Andersdenkender waren in diesem Tempo und diesem Ausmaß nicht zu ahnen. Doch nehme ich für mich durchaus in Anspruch, dass ich genau diese Dinge, die die noch demokratisch Denkenden heute zur Verzweiflung treiben, bereits damals detailliert analysiert habe. Das allein wäre vielleicht kein hinreichender Grund, heute noch dieses Buch zu lesen. Der entscheidende Grund liegt in dem Ansatz, unter dem es geschrieben wurde: Nur mit erneuerten Wahrnehmungsfähigkeiten und optimierten Denkstrukturen können die Menschen im Zeitalter des Niedergangs bestehen.Das Lesen von oder besser gesagt die Auseinandersetzung mit „Chaos mit System“ hilft, die destruktiven Strukturen zu verstehen. Während des Lesens werden mittels der vernetzten Beschreibung der Realität und der sie bestimmenden Prozesse die Zusammenhänge bewusst. Der Leser erkennt, dass es keine klassischen Schuldigen und keine relevante Verschwörung gibt, sondern ein überaus vernetztes System von Faktoren menschlicher, politischer, ökonomischer, materieller, geistiger Art. Je mehr Menschen dadurch (oder auch gerne anderweitig) von einem monokausalen oder meinetwegen auch bloßem dialektischen Weltbild wegkommen und zu einem ganzheitlichen „kybernetischen“ Erkennen hinkommen desto mehr Chancen entwickeln sich, Angriffspunkte zu finden und Kräfte zu entwickeln, um die Säulen des Niedergangs zu erschüttern oder gar zum Einsturz zu bringen.